Buchvorstellung "Reformation und Memoria"
Am 6. August 1515 spielte sich im Kloster der Franziskanerkonventualen St. Martin in Freiburg ein dramatischer Vorgang ab. Der Konvent, der seit seiner Gründung um 1229 fast drei Jahrhunderte lang in der Stadt gewirkt hatte, wurde von einem großen Aufgebot von 27 fremden Ordensbrüdern, geistlichen Würdenträgern und städtischen Amtsträgern handstreichartig besetzt und seine Reform verkündet. Die dreizehn Priester und neun Novizen wurden vor die Wahl gestellt, sich der Reform anzuschließen oder das Kloster zu verlassen. Der lange Streit zwischen den beiden Ordenszweigen, den traditionellen Konventualen und den Observanten, die für sich in Anspruch nahmen, das Ideal des Ordensgründers und seine Regel authentischer zu leben, führte hier zu einem letzten Höhepunkt
Der Konflikt beendete nicht nur die Präsenz der Konventualen in St. Martin, sondern auch ihre Memoria, die schriftliche Überlieferung der Namen ihrer Wohltäter und der liturgischen Gebetsverpflichtung. Das pergamentene Anniversar, das den Kalender der jährlichen Fürbitten seit dem Ende des 13. Jahrhunderts festhielt, wurde ausradiert und im Lauf der nächsten hundert Jahre mit neuen Namen überschrieben. Mit Hilfe von UV-Licht ließ sich diese Zerstörung teilweise revidieren, so dass die meisten der getilgten Namen früherer Gönner und Stifter wieder zugänglich werden.
Dr. Herbert Kraume legt eine kommentierte Ausgabe des Franziskaneranniversars vor. Er war Gymnasiallehrer für Geschichte und hat mehrere Werke zur Frömmigkeitsgeschichte des Spätmittelalters und zur Revolution von 1848/49 veröffentlicht.